von der kleinen Maus zum Schmetterling

Aufrufe: 200

von der kleinen Maus zum Schmetterling

In fast 20 Jahren Unterricht habe ich viel gesehen. Menschen können sich durch musizieren ändern, wenn sie das wollen. 

Ich hatte vor 10 Jahren eine verschüchterte Frau im Studio. Man hatte sie als Kind gelehrt unterwürfig zu sein. Sich selbst immer zurück zu nehmen und nichts für sich einzufordern. Sie war buchstäblich unter Glaubenssätzen begraben worden. Ich spürte keine Gegenwehr, egal was ich verlangte. Sie brachte aber auch keinen Einsatz, egal wie oft ich ihn einforderte. Sie war immer gleich. Ihr Ehemann holte sie einmal ab. Er hatte einen sehr herrschenden Ton an sich. Sie packte schnell ihre Sachen und huschte durch die Tür. 

Wie konnte das sein? Keine Launen, keine Freuden, keine Fragen, keine Unpässlichkeiten, irgendwie nicht anwesend. Sie saß in ihrem Schneckenhaus und was nicht bereit heraus zu kommen. Ich wusste nicht einmal, weshalb sie singen wollte. Sie gab darauf keine Antwort. Sie sang sehr leise, mit dünner Stimme, und am liebsten Balladen. Es war ihr sehr unangenehm, wenn ich den Lautstärkeregler auf “lauter” stellte. 

Es dauerte 2 Jahre bis sich etwas änderte. Sie hatte sich die Nägel gelen lassen. Das wollte nicht so recht zu den Huddies, Turnschuhen und Schlapperjeans passen. Als nächstes ließ sie sich die Haare tönen. Irgendetwas war in ihr aufgewacht und schien zu wachsen. Sie war lebendiger geworden. In jeder Unterrichtsstunde präsentierte sie eine weitere Veränderung. Was ging da vor sich? 

6 Monate später stand sie bei mir auf der Bühne mit zerrissenen Jeans, Stirnband, Higheels und klopfendem Herzen. Sie sang selbstbewusst einen Rocksong von Queen. Sie riskierte alles. Nach dem Auftritt weinte sie vor Erleichterung und meinte, sie hätte nie gedacht, dass sie so etwas schaffen würde. Durch die Musik war sie gezwungen worden aus sich heraus zu gehen. Sie hatte sich erlaubt laut und unangepasst zu sein – vor allen Leuten. Wenige Monate später verließ sie unser VocalStudio BACKSTAGE. Sie hätte noch so viel zu tun. 

Ein Jahr später war sie von ihrem patriarchischen Mann geschieden, hatte den Job und den kollerischen Chef gekündigt und war in eine andere Stadt gezogen. Auf den Facebook-Bildern kann ich sie kaum noch erkennen, so sehr hat sie sich verändert.